Diogenes-Syndrom und Entrümpelung in der Schweiz
Hinter extrem unübersichtlichen Wohnungen verbergen sich oft Leid, Isolation und eine grosse Schwierigkeit, um Hilfe zu bitten. Erfahren Sie, wie Sie das Diogenes-Syndrom in der Schweiz besser verstehen können und welche Lösungen den ersten Schritt zur Entrümpelung erleichtern können.

Diogenes-Syndrom und Entrümpelung in der Schweiz: Verstehen, um besser zu unterstützen
Wir sprechen noch viel zu wenig über das Diogenes-Syndrom in der Schweiz. Dabei existiert diese Realität überall: in Städten wie auf dem Land, bei älteren Menschen wie bei jüngeren Erwachsenen, in prekären wie in wohlhabenden Verhältnissen. Das Thema bleibt ein Tabu, oft verborgen hinter Scham, Isolation und Angst vor Verurteilung. Genau das zeigte kürzlich die Reportage von Temps Présent, „Diogènes, une montagne de souffrance", ausgestrahlt von der RTS am 12. Februar 2026, die eine „versteckte" und schwer zu quantifizierende Realität beschrieb.
Bei Big Sack sind wir im Feld mehrfach auf solche Situationen gestossen. Hinter manchen extrem unübersichtlichen Wohnungen verbirgt sich nicht einfach ein Abfall- oder Entrümpelungsproblem: Es steckt tiefes Leid dahinter, eine Ansammlung, die unkontrollierbar geworden ist, und oft eine immense Schwierigkeit, den ersten Schritt zu tun. In diesem Zusammenhang können einfache, schrittweise und wenig einschüchternde Lösungen einen echten Unterschied machen.
Das Diogenes-Syndrom ist nicht nur „zu viele Dinge aufbewahren"
Der Begriff „Diogenes-Syndrom" wird häufig verwendet, um Situationen extremer Anhäufung, Vernachlässigung der Hygiene und sozialen Rückzugs zu beschreiben. Fachleute weisen jedoch darauf hin, dass es sich nicht immer um eine eigenständige psychiatrische Diagnose handelt. Laut in der Westschweiz zitierten Experten handelt es sich eher um eine Beschreibung beobachteter Symptome als um eine einzelne Krankheit an sich, die häufig mit anderen Störungen wie Demenz, Psychosen, Angststörungen, Stimmungsstörungen oder mit Traumata und sozialer Isolation einhergeht.
Mit anderen Worten sollten diese Situationen nicht auf Faulheit, Gleichgültigkeit oder mangelnde Organisation reduziert werden. In vielen Fällen sucht die betroffene Person nicht von sich aus Hilfe, weil sie das Ausmass des Problems nicht mehr vollständig wahrnimmt oder weil das Wegwerfen von Gegenständen enormen Stress verursacht. Fachleute betonen ausserdem, dass ein brutales Eingreifen selten funktioniert und dass man mit Respekt, Geduld und Einfühlungsvermögen vorgehen muss.
Eine Realität, die weiter verbreitet ist, als man denkt
Die RTS-Reportage betonte einen wesentlichen Punkt: Diese Realität entzieht sich in der Schweiz weitgehend der Statistik, was zu ihrer Unsichtbarkeit beiträgt.
Es gibt unseres Wissens keine offiziellen nationalen Schweizer Zahlen, die eine genaue Schätzung der Anzahl betroffener Personen erlauben. Mehrere Quellen stimmen jedoch darin überein, dass das Phänomen alles andere als marginal ist. Das Magazin In Vivo gibt unter Berufung auf Schweizer Spezialisten des CHUV an, dass das Diogenes-Syndrom in den Industrieländern 1 bis 2 Personen pro 10'000 betrifft, und stellt fest, dass die Prävalenz mit dem Alter zunimmt und alle sozialen Schichten betroffen sein können.
Es ist auch wichtig, das Diogenes-Syndrom vom Hortungssyndrom (hoarding disorder) zu unterscheiden. Dazu liefert die internationale wissenschaftliche Literatur einen nützlichen Anhaltspunkt: Eine auf PubMed veröffentlichte und referenzierte Meta-Analyse schätzt die Prävalenz des Hortungssyndroms auf 2,5 % der erwachsenen Bevölkerung, mit einem geschätzten Bereich von 1,7 % bis 3,6 %.
Diese Zahlen bedeuten nicht, dass 2,5 % der Schweizer im engeren Sinne an Diogenes-Syndrom leiden. Sie zeigen jedoch, dass es sich bei Hortungsstörungen um ein weit häufigeres Phänomen handelt, als allgemein angenommen wird. Und wenn es sichtbar wird, ist es oft bereits in einem fortgeschrittenen Stadium.
Warum es so schwer ist, zu handeln
In dieser Art von Situation ist die Schwierigkeit nicht nur logistischer Natur. Sie ist auch zutiefst psychologischer Natur.
Eine sehr unübersichtliche Wohnung zu räumen kann unüberwindbar erscheinen. Für die betroffene Person kann jeder Gegenstand wichtig, unersetzlich oder einfach zu schwer loszulassen erscheinen. Die Vorstellung einer grossen Entrümpelung „auf einmal" — mit einem Container, einem grossen Team oder einem sehr sichtbaren Eingriff — kann lähmend wirken. Hier kann ein sanfterer Ansatz helfen.
Wie Big Sack konkret helfen kann
Bei Big Sack haben wir beobachtet, dass allein das Vorhandensein von grossen, stabilen, sichtbaren und dennoch einfach zu verwendenden Säcken die psychologische Hürde zur Entrümpelung senken kann. Anstatt sich eine massive und brutale Operation vorzustellen, kann die betroffene Person (oder ihre Angehörigen) Schritt für Schritt beginnen.
Ein Sack zum Füllen, dann ein zweiter. Ein Zimmer, dann eine Ecke eines Zimmers. Ein erstes Sortieren, ohne alles auf einmal auf den Kopf zu stellen. Diese schrittweise Logik verändert vieles:
- Sie macht die Aktion konkreter und weniger einschüchternd;
- Sie ermöglicht es, im eigenen Tempo voranzukommen;
- Sie vermeidet manchmal, sofort eine grosse Operation organisieren zu müssen;
- Sie vermittelt ein Gefühl sichtbaren Fortschritts, was moralisch sehr wichtig sein kann.
In den komplexesten Fällen ist Big Sack natürlich nicht dazu gedacht, medizinische, soziale oder psychologische Begleitung zu ersetzen. Es ist jedoch oft eine praktische Entrümpelungslösung, die den ersten Schritt erleichtern kann — sei es für die betroffene Person, ihre Angehörigen, einen Beistand, einen hilfsbereiten Nachbarn oder einen Fachmann, der in der Wohnung tätig ist.
Der richtige Ansatz: begleiten, aber nicht drängen
Die Empfehlungen aus der Praxis zeigen alle in dieselbe Richtung: Reiner Zwang oder autoritäre Räumung können die Not verschlimmern. Die Stadt Genf weist darauf hin, dass man in ernsten Situationen oft Fachleute hinzuziehen muss — einen Hausarzt, einen Sozialdienst, spezialisierte Dienste — und mit Takt vorgehen muss.
In der Praxis bedeutet dies, dass eine erfolgreiche Entrümpelung nicht nur darin besteht, Gegenstände zu entfernen. Es geht darum, sicherere, gesündere und erträglichere Lebensbedingungen zu schaffen, ohne die Person mit der Gewalt eines plötzlichen Wandels zu überfordern.
Ein gesellschaftliches Thema, dem wir ins Gesicht schauen müssen
Das Verdienst der Temps-Présent-Reportage liegt genau darin, dieses Thema wieder in den öffentlichen Raum gebracht zu haben. Sie erinnert uns daran, dass hinter gesättigten Wohnungen, Gerüchen, Abfällen und unhygienischen Zuständen vor allem komplexe menschliche Schicksale stecken, geprägt von Einsamkeit, Leid und manchmal einem sehr langen Schweigen.
Das Diogenes-Syndrom besser zu verstehen bedeutet also auch, besser zu verstehen, warum konkrete, einfache und nicht stigmatisierende Lösungen so wichtig sind. Bei Big Sack sind wir überzeugt, dass die Hilfe beim Entrümpeln nicht nur darin besteht, Abfall zu entfernen: Es geht auch darum, einen ersten Schritt möglich zu machen.